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Spirituelle Psychotherapie
"Ich habe die ganze Welt auf der Suche nach Gott durchwandert und
ihn nirgendwo gefunden. Als ich wieder nach Hause kam, sah ich ihn
an der Türe meines Herzens stehen, und er sprach: "Hier warte
ich auf dich seit Ewigkeiten". Da bin ich mit ihm ins Haus
gegangen. Rumi (1207 - 1273 persisch islamischer Mystiker)
Manchen Schicksalsschlägen, Lebenskrisen oder Lebensverläufen kann ohne
eine spirituelle Anbindung nur schwer begegnet werden. In einer Zeit, wo
wir Menschen fast alles für machbar halten, die meisten Dinge unter
persönliche Kontrolle stellen wollen, Leistung und materieller Wohlstand
vielfach die Bestimmungsstücke unseres Selbstverständnisses und der
Erziehung unserer Kinder ausmachen, fällt es besonders schwer,
Unausweichliches zu akzeptieren und ANZUNEHMEN was sich unserem
Verständnis entzieht. Inneres Aufbegehren und anhaltende Verzweiflung
können die Folge sein.
„Wozu das alles …?“
Die Frage nach dem größeren Sinn des Lebens stellen wir uns meist erst
angesichts großen persönlichen oder kollektiven Leidens. Kann diese
nicht in einer individuell befriedigenden Form beantwortet werden,
verspüren manche Menschen erstmals bewusst eine große Leere und
Verlorenheit. Vielfach wird sie durch Materielles, mehr oder weniger
offensichtliche Süchte, Zerstreuung und Ablenkung zu überdecken
versucht. Wenn dies dann nicht zu einem Wiedererlangen des (gewohnten)
Wohlbefindens führt, wird die innere Leere quälend. Ich
sage an einem solchen Punkt „der Mensch ist reif für die Entdeckung
seiner Seele“ – welche immer verbunden ist mit dem großen Ganzen, Gott,
der Allmacht, dem Universum.
Klassische vs. Spirituelle Psychologie
Während die Klassische Psychologie das menschliche Ich, die individuelle
Persönlichkeit im Zusammenspiel mit seiner jeweiligen Umwelt zu stärken
sucht, und dabei oft Antworten auf tiefere Sinnfragen schuldig bleiben
muss, integriert eine spirituell orientierte Psychologie daneben auch
existentielle Fragen menschlichen Daseins. Der spirituellen
Psychologie liegt das Bewusstsein zugrunde, dass alle Lebewesen Teil
eines großen Ganzen sind, dessen Höherer Ordnung wir unterstehen und
dessen Kraft wir uns – immer im Rahmen der Höheren Ordnung -
vertrauensvoll bedienen können um neue Energien und Positives frei zu
setzen wann immer wir diese brauchen. Das heißt auch, dass alle
lebenden und geistigen Wesen miteinander in Verbindung stehen und
gegenseitigen Beeinflussungen unterliegen, was sich jeweils individuell
und kollektiv äußern kann. Die individuelle Verbundenheit lässt sich
bspw. anschaulich in den bei Familien- oder Systemaufstellungen
auftretenden Phänomenen erfassen, nämlich dann, wenn fremde Menschen
(sog. Stellvertreter) während einer Aufstellung Gefühle und Haltungen
ihnen gänzlich unbekannter Personen spüren und wiedergeben können. Ein
bekannter Ansatz der sich mit dem Phänomen der kollektiven Verbundenheit
befasst ist die Lehre der Archetypen von C.G. Jung. Spirituelle
Psychologie geht also mehr als klassische schulpsychologische Ansätze
von Gesetzmäßigkeiten und Verbindungen aus, die über das Individuum und
seine unmittelbar fassbare Umwelt hinausgehen.
Die Seele als Kompass menschlicher Entwicklung
Eine der für mich wichtigsten, therapeutisch nutzbaren Erkenntnisse der
spirituellen Psychologie ist die, dass es im menschlichen Dasein allem
voran darum geht, die eigene Bestimmung oder auch Seelenaufgabe zu
verwirklichen. Je mehr die Persönlichkeit im Einklang mit ihrer
seelischen Bestimmung gelebt wird, desto mehr Frieden und Zufriedenheit
hält im eigenen Leben Einzug. Dabei ist immer zu beobachten: Je weiter
ein Mensch in seelischer Hinsicht entwickelt ist, desto mehr strebt
seine Seele der Selbstverwirklichung jenseits materieller Werte zu. Es
werden vermehrt innere Werte geschätzt und gesucht, hinter denen die
materielle Außenwelt in ihrer Bedeutung zurücksteht. Krankheit,
Verluste und Enttäuschungen können auch als Hinweis begriffen werden,
dass sich die Persönlichkeit nicht im Einklang mit ihrem Seelenplan
entwickelt. Anders ausgedrückt: Erst die Bewältigung eines kritischen
Lebensereignisses ermöglicht einen (längst überfälligen)
Perspektivenwechsel, der eine Richtungsänderung initiiert, die die
Persönlichkeit wieder auf den Kurs ihrer Seele bringt (und ohne die
krisenhafte Herausforderung sehr wahrscheinlich nicht begangen worden
wäre).
Alles hat seinen Sinn…
Wie verhält es sich nun aber mit Lebensereignissen, in denen nicht
Selbsterkenntnis, sondern Akzeptanz und friedvolle Annahme gefordert
ist? Mit Trauerfällen, unbegreiflichen Verlusten und kaum zu
verstehbarem Leid? Manchmal liegt es vielleicht genau im Seelenplan
eines Menschen, eine bestimmte Krankheit oder einen Verlust zu erfahren,
zu durchleben. Die Gründe hierfür können sehr vielschichtig und
miteinander vernetzt sein. Vorschnelle Interpretationen sind nicht
angebracht. Es braucht Demut und Hingabe um einen persönlichen Sinn zu
erschließen, Frieden und Heilung zu erfahren. Allein die Öffnung
für die Annahme, dass alles, was auf Erden geschieht einen Sinn hat –
die Erkenntnis eingeschlossen, dass sich uns dieser Sinn nicht immer
erschließt – kann heilsam und entlastend sein. Alle Religionen bedienen
sich in der einen oder anderen Form dieses Glaubens, und auch eine
Religionsübergeifende Spiritualität basiert auf dieser Annahme. Auf
tiefer gehende Erklärungsansätze eines möglichen Lebenssinns in
verschiedenen Glaubensrichtungen soll hier bewusst verzichtet werden,
denn für eine therapeutische Wirksamkeit ist zunächst nur die Öffnung,
noch nicht einmal die Überzeugung für die Grundannahme, dass alles einer
Höheren Ordnung unterliegt, entscheidend. Weitergehende Überlegungen
sind immer Teil eines persönlichen Erkenntnisprozesses. Diese sollten in
einer achtsamen, spirituell orientierten Psychotherapie keinen Dogmen
unterworfen werden, sondern sich ganz allein an den persönlichen, sich
jede Kritik verbietenden Glaubensüberzeugungen Betroffener orientieren.
Das Ganze als unerschöpfliche Energie- und Heilquelle
Wer sich dem Glauben an eine höhere, allumfassende Macht, die
größer, mächtiger und weiser ist als das eigene, begrenzte Ich (Ego!)
öffnet, kann auf psychischer und körperlicher Ebene wahre Wunder
erleben. Diese Form des von den meisten Menschen verlernten URVERTRAUENS
vermag Heilungsprozesse in Gang und neue seelische und körperliche
Energien frei zu setzen. Das 12-Schritte- Programm der Anonymen
Alkoholiker, was mittlerweile in vielen Therapieformen und Kliniken als
erfolgreiche Heilungsstrategie etabliert ist, arbeitet bspw. mit dieser
Überzeugung. Dementsprechend ist es das Ziel einer spirituell
orientierten Psychotherapie den persönlichen Erkenntnisprozess im
Bewusstsein der eigenen Lebensaufgabe und der Verbundenheit „mit allem
was ist“ zu entfalten. Je näher der Mensch sich selbst kommt, desto
näher kommt er Gott, der Höheren Macht, dem großen Ganzen. Und je näher
der Mensch mit der Quelle allen Seins verbunden ist, desto leichter
gelingt ihm das Leben.
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